Freitag, 18. November 2022

Rahel: Schaffe mir Kinder, sonst sterbe ich


Rachel aber sah, dass sie Jakob keine Kinder gebar, und Rachel wurde eifersüchtig auf ihre Schwester, und sie sprach zu Jakob: Schaffe mir Söhne, sonst sterbe ich.
(Genesis 30,1)

Schaffe mir Kinder, sonst sterbe ich –
sterbe von Sehnsucht

nach so langer Wartezeit.

Mein Leben lang

wollte ich nichts sehnlicher,

hielt es für selbstverständlich –

nie hätte ich gedacht

dass es so schwer sein würde,

nie hätte ich geträumt

einmal So Eine zu sein

deren Arme

für immer leer bleiben.

Schaffe mir Kinder, sonst sterbe ich –
sterbe von Neid,

umgeben von anderen,

meiner Magd, meiner Schwester

die schwanger werden

wenn du sie nur anhustest.

Warum nicht ich?

Verdiene ich nicht

auch mal etwas Gutes im Leben?

Warum hat sie vier

und ich nicht einmal eins?

Ist das fair?

Schaffe mir Kinder, sonst sterbe ich –
sterbe am Frust

wegen all der blöden Kommentare,

all der dummen Fragen,

der unnützen Tipps,

ungewollten Rat.

"Deine Zeit läuft ab."

Glaub mir, ich weiss.

"Du hast zugenommen –

kann es sein, dass-" NEIN.

Sehen sie nicht

wie es mir das Herz zerbricht?

Schaffe mir Kinder, sonst sterbe ich –
sterbe allein und mittellos,

eines Tages,

eines fernen Tages

der immer näher kommt.

Ein Tag ohne Mann,

ohne Sohn der mich unterstützt,

kein Wert für die Gesellschaft,

nur die arme Unfruchtbare

ohne Familie die sich kümmert.

Wenn du mich wirklich liebst

warum versorgst du mich nicht?

Schaffe mir Kinder, sonst sterbe ich.
Ja, ich wünschte, wir hätten die Kontrolle.

Ich wünschte, es gäbe einen Schuldigen.

Ich wünschte, es gäbe eine Erklärung.

Ich wünschte, es gäbe

ein Rezept in vier Schritten,

eine schnelle Lösung.

Ich wünschte es wäre wirklich

in deiner Macht
und genug zu quengeln
erfüllte meinen Wunsch.

Stattdessen gehe ich weiter

von Monat zu Monat,

wiederhole meinen Schrei:

Schaffe mir Kinder,

sonst sterbe ich.
 

_____________________________________

Lange fand ich den "Wettbewerb" zwischen Rahel und Lea eher kindisch. Bis es bei mir selber länger als gedacht gedauert hat, um schwanger zu werden (ca. 1 Jahr - vergleichsweise wenig, aber wenn man drin ist fühlt es sich doch an wie eine Ewigkeit). Ich finde es schön, dass es in der Bibel Identifikationsfiguren gibt auch für diese Art Erfahrung.

Wichtig zu bedenken bei diesen Geschichten in der Bibel, wo der Druck ein Kind zu bekommen so unheimlich gross zu sein scheint, ist dass in der damaligen patriarchalen Kultur ein Kind (Sohn) die soziale Zukunft der Mutter gesichert hat. Ein Sohn würde sich als Erwachsener um seine Mutter kümmern können, besonders nach dem Tod des Vaters. Ein Kind bekommen hatte für Rebekka, Rahel, Tamar und andere eine andere Tragweite als für uns heute.

Und doch ist es genauso berechtigt, heute im modernen Westen so starke Gefühle zu haben, wenn es länger nicht klappt. Auch wenn wir nicht "darauf angewiesen" sind. Mir hat es damals gut getan, mich mit Rahel verbunden zu fühlen und ihre Worte zu meinen eigenen zu machen. Unter anderem darum lese ich gerne in der Bibel... ich finde meine eigenen Erfahrungen dort wieder, fühle mich verstanden und angenommen mit den Gefühlen, die ich habe und mit dem, was ich erlebe und durchmache.

Bild: William Adolphe Bouguereau

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