"Zilla aber gebar auch, nämlich den Tubal-Kain; von dem sind hergekommen alle Erz- und Eisenschmiede. Und die Schwester des Tubal-Kain war Naëma." (Genesis 4,22)
Ich bin ein Name
ohne Geschichte.
Denn eines Tages hat jemand entschieden
dass die Geschichte eines Mädchens nicht interessiert.
Denn eines Tages hat jemand entschieden
dass ein Mädchen keine Geschichte hat
ausser die eines Mannes,
VaterBruderEhemannSohn.
Was ist ein Mädchen allein
ausser eine Last
ein Fluch
eine Erinnerung daran
was eine Frau einmal verloren hat,
eine Frau mit einer Geschichte.
Wie können sie riskieren
einer Frau
wieder eine Geschichte zu geben?
Sie
vergessen
dass
auch Männer Schmerz und Leid erzählen,
dass
auch ihre Geschichten giftig sind,
und
dass wir alle
zusammen
Verantwortung
tragen
für
unseren schwindelerregenden Sturz
in
Ungnade.
Aber
Einer
streckt sich aus
in
unsere Geschichten hinein,
reicht
uns die Hand, uns aufzufangen –
Einer
will teilhaben
an
dieser traurigen, erbärmlichen Geschichte,
will
seine eigene Geschichte riskieren.
Ich
bin ein Name
ohne
Geschichte –
aber
ich habe einen Namen.
Und
Er kennt mich,
und Er sieht mich,
und
Er nennt mich mit Namen:
"Naëma."
Sie
können mir
meine
Geschichte rauben –
aber
Er bewahrt mir
meinen
Namen.
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[Original: August 2014 / Übersetzt 2022]
Es gibt viele "Namen ohne Geschichte" in den Stammbäumen in der Bibel. Eine davon ist Naëma. Ursprünglich wollte ich nicht über die "geschichtenlosen Frauen" der Stammbäume schreiben, aber meine Mutter hat ein Gedicht für Naëma gewünscht, also habe ich dieses Geschrieben. :-)
Hier wollte ich mir Gedanken machen über die Ungleichbehandlung im Erzählen von Geschichten: oft werden eher Geschichten von Männern tradiert. Als ich das Projekt mit den Gedichten angefangen habe, habe ich aus dem Kopf nur 45 Frauen zusammenbringen können - denn in der Sonntagsschule haben wir über David und Simson gelernt, die Frauen sind nur am Rande vorgekommen. Gerade in patriarchalen Gesellschaften werden Frauen vor allem in Verbindung zu "ihren Männern" erwähnt (Vater, Bruder, Ehemann, Sohn).
Die "Frau mit einer Geschichte" im Gedicht ist Eva. Am Anfang waren Freiheit und Gleichberechtigung, aber ihre Entscheidungen führten ins Verderben. Noch heute wird vor allem Eva für "den Sündenfall" verantwortlich gemacht. Wie viel Schaden hat diese Tendenz in der Interpretation der "Sündenfallsgeschichte" schon angerichtet! Dabei sind wir alle verantwortlich für unsere eigenen Fehler. Der Mann und die Frau haben gemeinsam die Frucht gegessen. Die "Schuld" auf andere zu schieben, so wie sie lange auf Frauen geschoben wurde, hilft niemandem.
Bei Naëma ist interessant, dass sie wirklich nur mit dem Namen erscheint und mit einer Verbindung zum Bruder - sonst ist da kein Hinweis, warum sie "interessant" sein sollte. Jeder der die Bibel liest (und die Stammbäume dabei nicht überspringt... haha) wird also ihren Namen lesen. Ihre Geschichte ist zwar vergessen - aber ihr Name ist im meistgelesenen Bestseller der Welt. Für mich ist die Geschichte von Naëmas Namen darum: Gott sieht uns. Gott kennt uns mit Namen. Er kümmert sich um jeden von uns, egal was die Gesellschaft denkt, auch wenn man uns kleinmachen will. Vor Gott sind wir alle gleich. Für mich ist diese kleine Notiz eine kleine Wertschätzung an eine Frau, deren Geschichte vielleicht "nicht wichtig genug" gewesen ist, die aber doch von Gott gesehen wird. Und so können wir diese Frau (und andere "geschichtenlosen Frauen") nun wertschätzen, wenn wir ihren Namen in der Bibel lesen. Sie hat gelebt, sie ist Gott kostbar, sie ist wichtig und geliebt.
Original [hier]
Bild von Etienne Dinet

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