Freitag, 26. Mai 2023

Rizpa: Ich bin Mutter

 

 1. Samuel 21,1-17

 

Ich bin Trauer –
zerrissen von Verlust,
ein Loch in meinem Herzen
wo du einmal warst.

Ich bin Verlust –
allein nun, verlassen,
meiner Söhne beraubt –
grausames Menschenopfer
im Namen Gottes getan.

Ich bin Liebe, ausgegossen
aus gebrochenem Herzen,
fliessende Tränen
die dich nicht auferwecken können,
schützende Arme
die dich umhüllen
dass dich am Tag die Sonne nicht steche
noch der Mond des Nachts.


Ich bin Zorn
der kämpft für meine Kinder
gegen alle Gewalten der Natur,
wenn es sein muss: gegen Gott;
gegen die Verwesung,
gegen den Tod.

Ich bin Treue
mächtiger als Hass,
schärfer als ein Schwert,
stärker als der Tod;
ich ertrage jeden Sturm,
ertrage jeden Schmerz –
deine Beschützerin
über das Ende hinaus.

Ich bin Mutter.
Meine Liebe stirbt nie.
Ich würde den Tod töten
wenn ich es nur könnte.

Wo ist nun Gott?
Freut er sich über Menschenopfer?
Oder bekämpft sie den Tod mit mir?

__________________________________

[Übersetzung 7. Mai 2021]

Bild von George Becker

Predigt über Rizpa (Oktober 2021)

Vor Jahren ist mir dieses Bild begegnet. Das Bild zeigt eine Frau, stark, resolut, eine Hand hochgehoben, den Mantel flatternd im Wind, mit der anderen Hand schwingt sie einen Stecken um einen Raubvogel zu verscheuchen. Sie steht vor einer Reihe erhängter, toter Männer. Sie verteidigt ihre Leichen.

Liebe ist stärker als der Tod.

Diese Frau ist Rizpa, Nebenfrau vom König Saul, der im Krieg gegen die Philister gestorben ist. Ihre Söhne sind in einem Akt der Blutrache hingerichtet worden, um zu büssen für die Verbrechen ihres Vaters. Sie sind tot. Aber Rizpa ist da. Sie ist da, stark, resolut, aggressiv, das ist eine verletzte Liebe, eine zornige Liebe, eine feurige Liebe. Wenn wir nur ihr Gesicht ansehen. Das Bild drückt eine Kraft aus, eine Wut. Ihre ganze Trauer steckt Rizpa in diesen Kampf gegen den Vogel.

Treu bis in den Tod? Nein – treu bis über den Tod hinaus! Liebe ist stärker als der Tod.

Für mich ist das ein starkes Bild von Mutterschaft, das in die gängigen Klischees nicht so hineinpasst. Eine Mutter ist fürsorglich, tröstend, lieb... ja, aber nicht nur. Diese Mutter kämpft. Sie ist zornig, aggressiv, energisch. Diese Mutter wehrt sich für ihre Kinder gegen Wind und Wetter, gegen wilde Tiere, gegen den Verfall – ja, sie kämpft gegen den Tod. Treu bis über den Tod hinaus. Liebe stärker als der Tod.

 

Die Geschichte von Rizpa und ihren Söhnen ist eine der schrecklicheren Geschichten in der Bibel. Das ganze beginnt mit einer Hungersnot. Wie es damals so üblich ist, ist der Tempel die Anlaufstelle. Der König David lässt Gott fragen, warum die Hungersnot ist. Das muss für irgendetwas die Strafe sein. Und so kommt die Antwort: es ist wegen dem Unrecht, das Davids Vorgänger Saul an den Gibeonitern begangen hat. Die Gibeoniter sind eine Minderheit, die in Israel lebt; Israel hatte ihnen Schutz zugesichert. Saul aber hat an ihnen Genozid begangen – etwas furchtbares. Diese Sache muss jetzt aufgearbeitet werden. In der Gedankenwelt von damals ist das eine "Blutschuld". Diese "Blutschuld" muss mit Rache ausgeglichen werden.

David wendet sich also an die Opfer, an die Gibeoniter, und fragt sie, was sie als Kompensation wollen. Interessanterweise fragt er nicht Gott, was Gott will. Die Gibeoniter verlangen ein Menschenopfer. Sieben Nachkommen Sauls werden hingerichtet – eine Blutrache, die die Blutschuld ausgleichen soll.

Hier kommt Rizpa ins Spiel. Sie hat ihre Söhne verloren. Sie ist eine Frau in Trauer. Sie hat nichts mehr. Sie macht sich ein Lager bei den Toten. Sie bleibt bei ihnen. Sie verteidigt die Leichen – die ganze Erntezeit lang. Ich habe nachgeschaut – die Erntezeit im alten Israel dauerte von April bis November. April bis November! Diese Frau hält Wind und Wetter aus, kämpft gegen die wilden Tiere, bleibt ihren Söhnen nahe und kämpft für sie sogar im Tod. Treu bis über den Tod hinaus. Liebe stärker als der Tod.

Ich stelle mir diese Frau vor, der Sturm in ihr, der ihr diese Kraft gibt, die sie in dem Bild ausstrahlt. Grosse, tiefe Trauer, grosse, tiefe Liebe, zusammen gemischt zu einem Zorn, der gegen alle Naturgewalten und gegen den Tod kämpft, ja der sogar gegen Gott kämpft, wenn das Gott ist, der so eine Blutrache verlangt. Wenn das Gottes Wille ist, was hier geschehen ist, dann akzeptiert Rizpa Gottes Willen nicht.

Die Geschichte von Rizpa ist eine von vielen "schwierigen" Geschichten im AT. Geschichten von Gewalt, von Unrecht, das von bekannten "Helden" wie David begangen wird, das zum Teil in Gottes Namen geschieht. Hat Gott gewollt, dass David die sieben Männer töten lässt? Wo ist Gott in dieser Geschichte?

Wo ist Gott? Bei so Geschichten stelle ich mir gerne diese Frage – nehme einen Schritt zurück, denke an Jesus, und schaue nochmals anders hin. Wo ist Gott? Fordert Gott die Blutrache? Will Gott den Tod der sieben Männer? Führt David, der berühmte, heldenhafte König, der "Mann nach dem Herzen Gottes", den Willen Gottes aus?

Oder ist Gott in der treuen, trauernden Mutter, die gegen den Tod kämpft?

Wenn wir an Jesus denken, was entspricht eher dem Gott, den er uns gezeigt hat? Die Forderung nach Menschenopfer oder der Kampf gegen den Tod?

Schauen wir wieder die Geschichte an und schauen wir, wer am Schluss recht bekommt.

Die Geschichte hat angefangen mit einer Hungersnot. Drei Jahre Hungersnot, und David wendet sich an Gott, um herauszufinden, was los ist, um herauszufinden, was er tun soll und wie er die Hungersnot abwenden kann. Er erfährt von der Blutschuld – und übergibt die sieben Nachkommen Sauls den Gibeonitern zur Blutrache. Und dann – hört die Hungersnot auf? Nein. Noch nicht. Das Menschenopfer ist nicht die Antwort. Stattdessen sehen wir Rizpa, die von April bis November alles einsetzt, um ihre Toten zu beschützen. David sieht das, und ist berührt. Er lässt die sieben Männer zusammen mit Saul und seinem Sohn Jonatan richtig begraben, schenkt ihnen einen würdigen Abschied. Und dann, erst dann endet die Hungersnot. Nicht mit Rache sondern mit einem würdigen Begräbnis, mit Versöhnung und Frieden.


Wo ist in dieser Geschichte Gott? Ich sehe Gott in Rizpa. In dieser Mutter, die für ihre Kinder kämpft, auch wenn sie nicht mehr zu retten sind, auch wenn alle Hoffnung längst vorbei ist. Das erinnert mich an Gott, der für uns kämpft, sich für uns einsetzt, uns unendlich liebt auch über die Grenzen vom Tod hinaus.

Am Kreuz hat Gott den Tod besiegt – und Rizpa kann uns ein Bild davon sein. Wenn wir das Bild dieser kämpfenden Mutter wieder anschauen – hinter ihr die toten Männer, aufgehängt, fast wie eine Kreuzigungsszene – kann das für uns ein Bild von Gott sein – ein Gleichnis? Gott, die Mutter die für uns kämpft, die uns nicht aufgibt, die sich von nichts bremsen lässt, nicht von Wind und Wetter, nicht von Gefahr, und auch nicht vom Tod? Treue nicht nur bis in den Tod sondern über den Tod hinaus, liebe die stärker ist als der Tod.


 

Freitag, 10. Februar 2023

Dienerin: Hinter dem Schilf

 Exodus 2,1-10


Ich habe nie hinterfragt.
Warum auch?
Es hat mich nie betroffen.
Es waren nur Die Da.
Die Anderen.
Ausländer.

Ich habe mich nie gekümmert.
Warum auch?
Es war weit weg.
Fast wie ein Gerücht.
Dachte nicht daran,
denn was war dran wichtig?
Es hat mich nie berührt.

Bis jetzt.
Plötzlich
trennt sich das Schilf
über ein schreiendes Kind,
eröffnet sich mir
eine Welt von Schmerz und Trauer.
Ich öffne den Korb
und sehe Leid
das ich nie an mich rangelassen hab.

Jetzt
ist es nicht mehr weit weg.
Jetzt ist es hier.
Tod und Verlust,
kinderlose Mütter,
dieses Kind, ausgesetzt
als letzte sterbende Hoffnung.

Vielleicht
kümmerte ich mich nie
weil es zu schwer ist.
Es ist zu viel.
Denn jetzt
wie kann ich zurück
und es einfach geschehen lassen?
Wie kann ich zurück
jetzt wo ich dieses Kind -
ein Kind wie meines -
gesehen habe,
verlassen zu seiner Rettung,
nur ein kleiner Teil des Leidens
das jeden Tag geschieht?

Ich habe nie hinterfragt.
Jetzt muss ich.
Ich habe mich nie gekümmert.
Aber jetzt habe ich gesehen,
und es ist mir nahegekommen,
und ich kann nicht mehr
zurück.

_____________

[20. Juli 2021]


Wie viel Ungerechtigkeit lassen wir an uns vorbeigehen, weil wir nicht direkt betroffen sind? Manchmal brauchen wir die direkte Begegnung mit dem Leid, die direkte Konfrontation mit dem Unrecht, das geschieht, um es wirklich zu bemerken und ernstzunehmen. Das kann unangenehm sein aber ist heilvoll.

Der Pharaoh wollte die Israeliten in Schach halten und liess alle Jungen töten. Wie sahen das die "gewöhnlichen Ägypter"? Vielleicht war es für sie auch einfach weit weg. Waren ja "nur die Sklaven". Vielleicht war die Entdeckung des Mose so eine Begegnung, die die Perspektive geändert hat...


Bild von James Tissot

Dienstag, 31. Januar 2023

Hiobs Frau: Fluche Gott und stirb

Und seine Frau sprach zu ihm: Hältst du noch fest an deiner Frömmigkeit? Fluche Gott und stirb! (Hiob 2,9)

Fluche Gott
und stirb!
Was ist der Sinn
weiterzugehen?
Er hat alles genommen.
Was ist der Sinn
an ihm festzuhalten
wenn dies der Lohn ist
für all deinen Glauben,
für all deine Treue.
Wenn sogar Gottlosigkeit mehr bringt,
warum noch glauben?
Warum noch leben
wenn er uns schon verflucht hat,
das Leben zur Hölle gemacht,
nicht mehr lebenswert?

Gott.
Ich verstehe nicht.
Soll das Liebe sein?
Ist das dein Dank
für Glauben und Treue?
Haben wir das verdient?

Was soll ich tun
mit diesem Loch in meiner Seele?
Ich klage an
gegen den Himmel,
rüttle an deinen Thron,
denn ich kann nicht mehr,
kann nicht verstehen,
kann nicht glauben,
ich mag nicht.

Wer hört meine Geschichte?
Wer heilt meine Wunden?
Wer lässt mich weinen, und tröstet mich?
Wer lässt mich fluchen und klagen
so viel wie nötig
bis das Gift raus ist?
Wer
wenn nicht du?

Oh Gott,
der Gott der mich verwundet,
der Gott der mich heilt -
ich verstehe dich nicht,
mag dich manchmal nicht einmal leiden,
und doch
bist du mein Gott
den ich suche
sogar wenn ich dich hasse.

Ich kann nicht vergeben
was du getan hast -
hilf mir, zu vergeben.
Ich kann dich nicht lieben
weil du das zugelassen hast -
hilf mir, zu lieben.
Ich kann nicht vertrauen
der Hand, die mich fallen liess -
hilf mir, zu vertrauen.
Ich kann nicht glauben
an einen Gott der Liebe
der solches Leid zulässt -
hilf mir,
Gott der Liebe,
an dich zu glauben.

Wenn ich es nicht alleine kann,
wenn ich ertrinke in der Finsternis
meiner Trauer und Wut,
rette mich vor mir selbst
und mach mich wieder dein.

_____________________________________

[Übersetzung: 13. September 2021, Original: Job's Wife]

Was mir wichtig ist aus dem Hiobsbuch: Es gibt keine Antwort zur Frage, warum Menschen leiden müssen - Gott gibt uns keine Antwort. Aber wir dürfen klagen. So habe ich auch dieses Gedicht geschrieben: wir dürfen klagen, dürfen Gott anklagen, dürfen fluchen, dürfen auf Gott wütend sein, vielleicht hassen wir Gott auch zeitweise wenn wir mitten im Leid sind. Gott hält das aus. Oft haben wir gelernt, solche Gefühle nicht auszudrücken, nicht nur nicht gegenüber Gott sondern auch gegenüber Mitmenschen. Lieber still in sich hineinfressen. Was nicht wirklich so gesund ist. Gerade die Geschichte von Hiob zeigt uns aber, dass wir klagen dürfen. Von Hiobs Frau lesen wir wirklich nur diesen Satz, Hiob selbst lässt aber so einiges raus, was wir uns vielleicht nicht getrauen würden, Gott zu sagen. Aber Gott hält es aus! Gott kommt damit klar, und er ist es auch, der uns trösten kann und mit der Zeit auch wieder zu sich führen kann. Aber wenn wir im Moment auf Gott wütend sind dann glaube ich dürfen wir das. Gott hält das aus.

Vom Buch Briefe die ich niemals schrieb von Ruth van Reken habe ich den Gedanken aufgenommen, dass wir manchmal "Gott vergeben müssen". Wenn man so aufgewachsen ist wie ich, dass Gott doch nie Fehler macht usw., dann kann das ein fremder Gedanke sein. Aber auch wenn Gott keine Fehler macht: vielleicht habe ich  mal Mühe mit etwas, das Gott zugelassen hat. Da kann es mir guttun, wenn ich Gott sagen kann: Ich fand das nicht richtig. Und da kann es entlasten, wenn ich Gott vergeben kann. Mehr als wenn ich das Ganze in mich hineinfresse in der Meinung "Gott macht ja keine Fehler usw". Das schadet der Beziehung zu Gott finde ich mehr als wenn ich das wie einen Fehler behandle. Gott kommt damit klar. Ich denke Gott hält in der Beziehung mit uns so viel mehr aus als wir oft meinen. Bei Hiob hat er ganz viel Klage und Anklage ausgehalten und Hiob am Ende recht gegeben.

Wir verstehen zwar nicht, warum Menschen leiden müssen, und Gott gibt uns keine Antwort. Aber wir dürfen klagen. Wir dürfen anklagen. Wir dürfen wütend und traurig sein. Und Gott ist in dem allem bei uns. Für mich ist Gottes Antwort auf das Leiden das Kreuz: Gott der mitleidet. Gott der mitten in das Leiden hineinkommt, es selber am eigenen Leib erlebt, und unsere Klage zur seinen macht, "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" Für mich ist das die "christliche Antwort auf das Leid", und das ist wohl keine Erklärung aber mir gibt es Kraft, wenn ich leide.

Freitag, 18. November 2022

Rahel: Schaffe mir Kinder, sonst sterbe ich


Rachel aber sah, dass sie Jakob keine Kinder gebar, und Rachel wurde eifersüchtig auf ihre Schwester, und sie sprach zu Jakob: Schaffe mir Söhne, sonst sterbe ich.
(Genesis 30,1)

Schaffe mir Kinder, sonst sterbe ich –
sterbe von Sehnsucht

nach so langer Wartezeit.

Mein Leben lang

wollte ich nichts sehnlicher,

hielt es für selbstverständlich –

nie hätte ich gedacht

dass es so schwer sein würde,

nie hätte ich geträumt

einmal So Eine zu sein

deren Arme

für immer leer bleiben.

Schaffe mir Kinder, sonst sterbe ich –
sterbe von Neid,

umgeben von anderen,

meiner Magd, meiner Schwester

die schwanger werden

wenn du sie nur anhustest.

Warum nicht ich?

Verdiene ich nicht

auch mal etwas Gutes im Leben?

Warum hat sie vier

und ich nicht einmal eins?

Ist das fair?

Schaffe mir Kinder, sonst sterbe ich –
sterbe am Frust

wegen all der blöden Kommentare,

all der dummen Fragen,

der unnützen Tipps,

ungewollten Rat.

"Deine Zeit läuft ab."

Glaub mir, ich weiss.

"Du hast zugenommen –

kann es sein, dass-" NEIN.

Sehen sie nicht

wie es mir das Herz zerbricht?

Schaffe mir Kinder, sonst sterbe ich –
sterbe allein und mittellos,

eines Tages,

eines fernen Tages

der immer näher kommt.

Ein Tag ohne Mann,

ohne Sohn der mich unterstützt,

kein Wert für die Gesellschaft,

nur die arme Unfruchtbare

ohne Familie die sich kümmert.

Wenn du mich wirklich liebst

warum versorgst du mich nicht?

Schaffe mir Kinder, sonst sterbe ich.
Ja, ich wünschte, wir hätten die Kontrolle.

Ich wünschte, es gäbe einen Schuldigen.

Ich wünschte, es gäbe eine Erklärung.

Ich wünschte, es gäbe

ein Rezept in vier Schritten,

eine schnelle Lösung.

Ich wünschte es wäre wirklich

in deiner Macht
und genug zu quengeln
erfüllte meinen Wunsch.

Stattdessen gehe ich weiter

von Monat zu Monat,

wiederhole meinen Schrei:

Schaffe mir Kinder,

sonst sterbe ich.
 

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Lange fand ich den "Wettbewerb" zwischen Rahel und Lea eher kindisch. Bis es bei mir selber länger als gedacht gedauert hat, um schwanger zu werden (ca. 1 Jahr - vergleichsweise wenig, aber wenn man drin ist fühlt es sich doch an wie eine Ewigkeit). Ich finde es schön, dass es in der Bibel Identifikationsfiguren gibt auch für diese Art Erfahrung.

Wichtig zu bedenken bei diesen Geschichten in der Bibel, wo der Druck ein Kind zu bekommen so unheimlich gross zu sein scheint, ist dass in der damaligen patriarchalen Kultur ein Kind (Sohn) die soziale Zukunft der Mutter gesichert hat. Ein Sohn würde sich als Erwachsener um seine Mutter kümmern können, besonders nach dem Tod des Vaters. Ein Kind bekommen hatte für Rebekka, Rahel, Tamar und andere eine andere Tragweite als für uns heute.

Und doch ist es genauso berechtigt, heute im modernen Westen so starke Gefühle zu haben, wenn es länger nicht klappt. Auch wenn wir nicht "darauf angewiesen" sind. Mir hat es damals gut getan, mich mit Rahel verbunden zu fühlen und ihre Worte zu meinen eigenen zu machen. Unter anderem darum lese ich gerne in der Bibel... ich finde meine eigenen Erfahrungen dort wieder, fühle mich verstanden und angenommen mit den Gefühlen, die ich habe und mit dem, was ich erlebe und durchmache.

Bild: William Adolphe Bouguereau

Freitag, 23. September 2022

Naëma: Name ohne Geschichte


"Zilla aber gebar auch, nämlich den Tubal-Kain; von dem sind hergekommen alle Erz- und Eisenschmiede. Und die Schwester des Tubal-Kain war Naëma."
(Genesis 4,22)

Ich bin ein Name

ohne Geschichte.


Denn eines Tages hat jemand entschieden

dass die Geschichte eines Mädchens nicht interessiert.

Denn eines Tages hat jemand entschieden

dass ein Mädchen keine Geschichte hat

ausser die eines Mannes,

VaterBruderEhemannSohn.

Was ist ein Mädchen allein

ausser eine Last

ein Fluch

eine Erinnerung daran

was eine Frau einmal verloren hat,

eine Frau mit einer Geschichte.

Wie können sie riskieren

einer Frau
wieder eine Geschichte zu geben?

Sie vergessen
dass auch Männer Schmerz und Leid erzählen,

dass auch ihre Geschichten giftig sind,

und dass wir alle

zusammen
Verantwortung tragen

für unseren schwindelerregenden Sturz

in Ungnade.

Aber

Einer streckt sich aus

in unsere Geschichten hinein,

reicht uns die Hand, uns aufzufangen –

Einer will teilhaben

an dieser traurigen, erbärmlichen Geschichte,

will seine eigene Geschichte riskieren.


Ich bin ein Name

ohne Geschichte –

aber ich habe einen Namen.

Und Er kennt mich,

und Er sieht mich,
und Er nennt mich mit Namen:

"Naëma."

Sie können mir

meine Geschichte rauben –

aber Er bewahrt mir

meinen Namen.

 

________________________

[Original: August 2014 / Übersetzt 2022]

Es gibt viele "Namen ohne Geschichte" in den Stammbäumen in der Bibel. Eine davon ist Naëma. Ursprünglich wollte ich nicht über die "geschichtenlosen Frauen" der Stammbäume schreiben, aber meine Mutter hat ein Gedicht für Naëma gewünscht, also habe ich dieses Geschrieben. :-)

Hier wollte ich mir Gedanken machen über die Ungleichbehandlung im Erzählen von Geschichten: oft werden eher Geschichten von Männern tradiert. Als ich das Projekt mit den Gedichten angefangen habe, habe ich aus dem Kopf nur 45 Frauen zusammenbringen können - denn in der Sonntagsschule haben wir über David und Simson gelernt, die Frauen sind nur am Rande vorgekommen. Gerade in patriarchalen Gesellschaften werden Frauen vor allem in Verbindung zu "ihren Männern" erwähnt (Vater, Bruder, Ehemann, Sohn).

Die "Frau mit einer Geschichte" im Gedicht ist Eva. Am Anfang waren Freiheit und Gleichberechtigung, aber ihre Entscheidungen führten ins Verderben. Noch heute wird vor allem Eva für "den Sündenfall" verantwortlich gemacht. Wie viel Schaden hat diese Tendenz in der Interpretation der "Sündenfallsgeschichte" schon angerichtet! Dabei sind wir alle verantwortlich für unsere eigenen Fehler. Der Mann und die Frau haben gemeinsam die Frucht gegessen. Die "Schuld" auf andere zu schieben, so wie sie lange auf Frauen geschoben wurde, hilft niemandem.

Bei Naëma ist interessant, dass sie wirklich nur mit dem Namen erscheint und mit einer Verbindung zum Bruder - sonst ist da kein Hinweis, warum sie "interessant" sein sollte. Jeder der die Bibel liest (und die Stammbäume dabei nicht überspringt... haha) wird also ihren Namen lesen. Ihre Geschichte ist zwar vergessen - aber ihr Name ist im meistgelesenen Bestseller der Welt. Für mich ist die Geschichte von Naëmas Namen darum: Gott sieht uns. Gott kennt uns mit Namen. Er kümmert sich um jeden von uns, egal was die Gesellschaft denkt, auch wenn man uns kleinmachen will. Vor Gott sind wir alle gleich. Für mich ist diese kleine Notiz eine kleine Wertschätzung an eine Frau, deren Geschichte vielleicht "nicht wichtig genug" gewesen ist, die aber doch von Gott gesehen wird. Und so können wir diese Frau (und andere "geschichtenlosen Frauen") nun wertschätzen, wenn wir ihren Namen in der Bibel lesen. Sie hat gelebt, sie ist Gott kostbar, sie ist wichtig und geliebt.

Original [hier]

Bild von Etienne Dinet 

Freitag, 16. September 2022

Witwe von Sarepta: Mein Becher fliesst über

1.Könige 17 | Psalm 23,5

Ich bin allein
doch mein Becher fliesst über.
Kein Mann zur Unterstützung
doch mein Becher fliesst über.
Allein verantwortlich für mein Kind
doch mein Becher fliesst über.
In schweren Zeiten leben wir
doch mein Becher fliesst über.

Dein Überfluss
fliesst über mich
und deckt alle Not.
Mein Becher fliesst über.
All die Kraft die ich brauche
diese Zeit durchzustehen,
Ausdauer und Freude –
Mein Becher fliesst über.

Uns droht der Hunger
doch mein Becher fliesst über.
Uns droht Krankheit
doch mein Becher fliesst über.
Uns droht Verlust
doch mein Becher fliesst über.
In aller Not
mein Becher fliesst über.

All dein Reichtum,
deine üppige Liebe,
giesst du aus in unser Leben,
mehr als genug.
Mein Becher fliesst über.
genug um zu teilen
mit hungrigen Propheten
und müden Gästen.
Mein Becher fliesst über. 

_______________________________________

[Januar 2022]

Letzthin habe ich mich gefragt, ob es in der Bibel auch alleinerziehende Mütter gibt. Natürlich sind da einige! Diese ist mir als erse in den Sinn gekommen.

Die Geschichte dieser Witwe hat mich sehr angesprochen. Sie ist eine alleinerziehende Mutter, wie ich. Sie lebt in schwierigen Zeiten, so wie wir (für sie waren es Dürre und Hungersnot, für uns, als ich das Gedicht geschrieben habe, die Pandemie). Sie erlebt wunderbare Versorgung - und dasselbe habe auch ich seit der Trennung erlebt.

In der Bibel ist Öl ein Symbol von Freude und Fülle. Die Witwe erlebt das Wunder, dass ihr winziger Überrest von Öl nie zu Ende geht. Was wenn wir das nicht nur wortwörtlich als wunderbare Vermehrung einer Küchenzutat lesen, sondern auch symbolisch als Gottes Versorgung in allen Aspekten ihres Lebens? Persönlich habe ich in den letzten Monaten erlebt, dass ich immer genug Kraft und Ausdauer hatte für die Herausforderungen meiner neuen Situation als alleinerziehende Mutter. Wenn ich die Geschichte der Witwe von Sarepta lese, sind diese Dinge mein "nie zu Ende gehendes Öl".

Damit ist dieses Gedicht eines der Fälle, wo ich meine eigene Erfahrung mit der Geschichte einer Frau aus der Bibel verbinde. Diese Geschichte ist eine Ermutigung für mich ganz persönlich.

Ich finde auch spannend wie die ganze Sache mit Gastfreundschaft zusammenhängt. Die Witwe hat zu wenig für sich selbst und ihren Sohn, dann plötzlich muss sie einen ungeladenen Gast (Elia) versorgen. In dieser Situation gehen Öl und Mehl nie aus. Die Witwe hat gewagt, gastfreundlich zu sein trotz des Mangels - und es hat sich gelohnt. Ich habe dieselbe Erfahrung gemacht: manchmal, wenn ich selber eine schwere Zeit durchmache, hilft es mir, wenn ich anderen helfe. Vielleicht eigenartig, aber es geschieht - Versorgungswunder kommen in dem Sinn häufiger vor als wir meinen.

"Mein Bescher fliesst über" kommt von Psalm 23,5 - das kam mir hier einfach in den Kopf und ich entschied mich, in Anlehnung auf den "seine Güte währet ewiglich" Refrain in Psalm 136, ein wiederholendes Muster daraus zu machen.

Bild von Mary Cassatt

Montag, 12. September 2022

Maria: Selig

 

Matthäus 5,1-12

In Kälte und Nacht,
Schimpferei und Gedränge -
alle Habe auf einem Esel
und das Kind kommt.
Wohin soll ich es legen?
Was soll ich ihm geben?
Ich habe nichts.
Selig ihr Armen.

Vor geschlossenen Türen,
unter starrenden Augen;
ich weiss, weshalb sie flüstern
und die Tür zufällt.
Wird auch mein Kind so verstossen,
behandelt wie ein Sünder,
der Welt nichts?
Selig seid ihr,
so euch die Menschen hassen
und ausstossen
um des Menschensohnes willen.


Unter dem Kreuz
in tiefster Finsternis -
dich in meinen Armen,
mein Kind, mein Gott!
Ein Schwert durchdringt
auch meine Seele.
Bleibt denn nichts?
Selig ihr Weinenden.

O selig bist du,
die du geglaubt hast!
Denn es wird vollendet werden,
was dir gesagt ist vom Herrn.


Meine Seele erhebt den Herrn
und mein Geist freut sich Gottes,
meines Heilandes.

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[November 2010]

Eines meiner extrem wenigen Gedichte auf Deutsch. ;-) Ihr müsst euch bei meiner Mamma bedanken, die mein Maria-Gedicht im Rundbrief mitschicken wollte, das ich zur Zeit nur auf Englisch hatte. Statt Übersetzung ist was anderes (m.E. Besseres) daraus geworden! :-)

Hier funktionierte nämlich die Idee, die ich schon für das Englische hatte aber mir dort nicht gelang: die Verbindung zwischen Marias Geschichte und den Seligpreisungen.

Anfänglich sollte es ein Weihnachtsgedicht sein, aber irgendwie habe ich eine Tendenz, schon an Weihnachten das Kreuz zu sehen (und warum nicht; mit der Menschwerdung fängt Jesu Opfer ja eigentlich an, könnte man sagen - Phil 2,6-11). Mich hat das Wort des Simeon an Maria beeindruckt: dass ein Schwert auch ihr Herz durchdringen wird (Lukas 2,35). Irgendwie denken wir nicht genug an das, was Maria am Kreuz durchgemacht hat. Kann uns das vielleicht nicht auch helfen, uns vorzustellen, wie es für sie war? Ich sehe Maria als ein starkes Vorbild für die Gläubigen. An ihr können wir den Preis der Nachfolge sehen - aber eben auch die Seligpreisungen, die an ihr wahr wurden. Sie tat frei und freudig, wozu Gott sie bat, stellte sich ihm zur Verfügung.

Für mich wäre eine "protestantische Mariologie" so etwas dieser Art: Maria als Vorbild sehen, als eine Art exemplarische Gläubige, der wir nachahmen können. Wie sie dürfen wir dann auch hoffen, dass, auch wenn der Weg mit Gott und im Gehorsam zu ihm nicht immer leicht ist, er seine Verheissungen erfüllt, und uns die Freude gibt, gerne zu tun, was er uns aufträgt. Mit ihr das Magnificat singen. :-)



Bild: Simon de Vos

Rizpa: Ich bin Mutter

   1. Samuel 21,1-17   Ich bin Trauer – zerrissen von Verlust, ein Loch in meinem Herzen wo du einmal warst. Ich bin Verlust – allein nun, ...