Ich
bin Trauer –
zerrissen von Verlust,
ein Loch in meinem
Herzen
wo du einmal warst.
Ich bin Verlust –
allein
nun, verlassen,
meiner Söhne beraubt –
grausames
Menschenopfer
im Namen Gottes getan.
Ich bin Liebe,
ausgegossen
aus gebrochenem Herzen,
fliessende Tränen
die
dich nicht auferwecken können,
schützende Arme
die dich
umhüllen
dass
dich am Tag die Sonne nicht steche
noch der Mond des Nachts.
Ich
bin Zorn
der kämpft für meine Kinder
gegen alle Gewalten der
Natur,
wenn es sein muss: gegen Gott;
gegen die
Verwesung,
gegen den Tod.
Ich bin Treue
mächtiger als
Hass,
schärfer als ein Schwert,
stärker als der Tod;
ich
ertrage jeden Sturm,
ertrage jeden Schmerz –
deine
Beschützerin
über das Ende hinaus.
Ich bin Mutter.
Meine
Liebe stirbt nie.
Ich würde den Tod töten
wenn ich es nur
könnte.
Wo ist nun Gott?
Freut er sich über
Menschenopfer?
Oder bekämpft sie den Tod mit mir?
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[Übersetzung 7. Mai 2021]
Bild von George Becker
Predigt über Rizpa (Oktober 2021)
Vor Jahren ist mir dieses Bild begegnet. Das Bild zeigt eine Frau, stark, resolut, eine Hand hochgehoben, den Mantel flatternd im Wind, mit der anderen Hand schwingt sie einen Stecken um einen Raubvogel zu verscheuchen. Sie steht vor einer Reihe erhängter, toter Männer. Sie verteidigt ihre Leichen.
Liebe ist stärker als der Tod.
Diese Frau ist Rizpa, Nebenfrau vom König Saul, der im Krieg gegen die Philister gestorben ist. Ihre Söhne sind in einem Akt der Blutrache hingerichtet worden, um zu büssen für die Verbrechen ihres Vaters. Sie sind tot. Aber Rizpa ist da. Sie ist da, stark, resolut, aggressiv, das ist eine verletzte Liebe, eine zornige Liebe, eine feurige Liebe. Wenn wir nur ihr Gesicht ansehen. Das Bild drückt eine Kraft aus, eine Wut. Ihre ganze Trauer steckt Rizpa in diesen Kampf gegen den Vogel.
Treu bis in den Tod? Nein – treu bis über den Tod hinaus! Liebe ist stärker als der Tod.
Für mich ist das ein starkes Bild von Mutterschaft, das in die gängigen Klischees nicht so hineinpasst. Eine Mutter ist fürsorglich, tröstend, lieb... ja, aber nicht nur. Diese Mutter kämpft. Sie ist zornig, aggressiv, energisch. Diese Mutter wehrt sich für ihre Kinder gegen Wind und Wetter, gegen wilde Tiere, gegen den Verfall – ja, sie kämpft gegen den Tod. Treu bis über den Tod hinaus. Liebe stärker als der Tod.
Die Geschichte von Rizpa und ihren Söhnen ist eine der schrecklicheren Geschichten in der Bibel. Das ganze beginnt mit einer Hungersnot. Wie es damals so üblich ist, ist der Tempel die Anlaufstelle. Der König David lässt Gott fragen, warum die Hungersnot ist. Das muss für irgendetwas die Strafe sein. Und so kommt die Antwort: es ist wegen dem Unrecht, das Davids Vorgänger Saul an den Gibeonitern begangen hat. Die Gibeoniter sind eine Minderheit, die in Israel lebt; Israel hatte ihnen Schutz zugesichert. Saul aber hat an ihnen Genozid begangen – etwas furchtbares. Diese Sache muss jetzt aufgearbeitet werden. In der Gedankenwelt von damals ist das eine "Blutschuld". Diese "Blutschuld" muss mit Rache ausgeglichen werden.
David wendet sich also an die Opfer, an die Gibeoniter, und fragt sie, was sie als Kompensation wollen. Interessanterweise fragt er nicht Gott, was Gott will. Die Gibeoniter verlangen ein Menschenopfer. Sieben Nachkommen Sauls werden hingerichtet – eine Blutrache, die die Blutschuld ausgleichen soll.
Hier kommt Rizpa ins Spiel. Sie hat ihre Söhne verloren. Sie ist eine Frau in Trauer. Sie hat nichts mehr. Sie macht sich ein Lager bei den Toten. Sie bleibt bei ihnen. Sie verteidigt die Leichen – die ganze Erntezeit lang. Ich habe nachgeschaut – die Erntezeit im alten Israel dauerte von April bis November. April bis November! Diese Frau hält Wind und Wetter aus, kämpft gegen die wilden Tiere, bleibt ihren Söhnen nahe und kämpft für sie sogar im Tod. Treu bis über den Tod hinaus. Liebe stärker als der Tod.
Ich stelle mir diese Frau vor, der Sturm in ihr, der ihr diese Kraft gibt, die sie in dem Bild ausstrahlt. Grosse, tiefe Trauer, grosse, tiefe Liebe, zusammen gemischt zu einem Zorn, der gegen alle Naturgewalten und gegen den Tod kämpft, ja der sogar gegen Gott kämpft, wenn das Gott ist, der so eine Blutrache verlangt. Wenn das Gottes Wille ist, was hier geschehen ist, dann akzeptiert Rizpa Gottes Willen nicht.
Die Geschichte von Rizpa ist eine von vielen "schwierigen" Geschichten im AT. Geschichten von Gewalt, von Unrecht, das von bekannten "Helden" wie David begangen wird, das zum Teil in Gottes Namen geschieht. Hat Gott gewollt, dass David die sieben Männer töten lässt? Wo ist Gott in dieser Geschichte?
Wo ist Gott? Bei so Geschichten stelle ich mir gerne diese Frage – nehme einen Schritt zurück, denke an Jesus, und schaue nochmals anders hin. Wo ist Gott? Fordert Gott die Blutrache? Will Gott den Tod der sieben Männer? Führt David, der berühmte, heldenhafte König, der "Mann nach dem Herzen Gottes", den Willen Gottes aus?
Oder ist Gott in der treuen, trauernden Mutter, die gegen den Tod kämpft?
Wenn wir an Jesus denken, was entspricht eher dem Gott, den er uns gezeigt hat? Die Forderung nach Menschenopfer oder der Kampf gegen den Tod?
Schauen wir wieder die Geschichte an und schauen wir, wer am Schluss recht bekommt.
Die Geschichte hat angefangen mit einer Hungersnot. Drei Jahre Hungersnot, und David wendet sich an Gott, um herauszufinden, was los ist, um herauszufinden, was er tun soll und wie er die Hungersnot abwenden kann. Er erfährt von der Blutschuld – und übergibt die sieben Nachkommen Sauls den Gibeonitern zur Blutrache. Und dann – hört die Hungersnot auf? Nein. Noch nicht. Das Menschenopfer ist nicht die Antwort. Stattdessen sehen wir Rizpa, die von April bis November alles einsetzt, um ihre Toten zu beschützen. David sieht das, und ist berührt. Er lässt die sieben Männer zusammen mit Saul und seinem Sohn Jonatan richtig begraben, schenkt ihnen einen würdigen Abschied. Und dann, erst dann endet die Hungersnot. Nicht mit Rache sondern mit einem würdigen Begräbnis, mit Versöhnung und Frieden.
Am Kreuz hat Gott den Tod besiegt – und Rizpa kann uns ein Bild davon sein. Wenn wir das Bild dieser kämpfenden Mutter wieder anschauen – hinter ihr die toten Männer, aufgehängt, fast wie eine Kreuzigungsszene – kann das für uns ein Bild von Gott sein – ein Gleichnis? Gott, die Mutter die für uns kämpft, die uns nicht aufgibt, die sich von nichts bremsen lässt, nicht von Wind und Wetter, nicht von Gefahr, und auch nicht vom Tod? Treue nicht nur bis in den Tod sondern über den Tod hinaus, liebe die stärker ist als der Tod.
