Freitag, 23. September 2022

Naëma: Name ohne Geschichte


"Zilla aber gebar auch, nämlich den Tubal-Kain; von dem sind hergekommen alle Erz- und Eisenschmiede. Und die Schwester des Tubal-Kain war Naëma."
(Genesis 4,22)

Ich bin ein Name

ohne Geschichte.


Denn eines Tages hat jemand entschieden

dass die Geschichte eines Mädchens nicht interessiert.

Denn eines Tages hat jemand entschieden

dass ein Mädchen keine Geschichte hat

ausser die eines Mannes,

VaterBruderEhemannSohn.

Was ist ein Mädchen allein

ausser eine Last

ein Fluch

eine Erinnerung daran

was eine Frau einmal verloren hat,

eine Frau mit einer Geschichte.

Wie können sie riskieren

einer Frau
wieder eine Geschichte zu geben?

Sie vergessen
dass auch Männer Schmerz und Leid erzählen,

dass auch ihre Geschichten giftig sind,

und dass wir alle

zusammen
Verantwortung tragen

für unseren schwindelerregenden Sturz

in Ungnade.

Aber

Einer streckt sich aus

in unsere Geschichten hinein,

reicht uns die Hand, uns aufzufangen –

Einer will teilhaben

an dieser traurigen, erbärmlichen Geschichte,

will seine eigene Geschichte riskieren.


Ich bin ein Name

ohne Geschichte –

aber ich habe einen Namen.

Und Er kennt mich,

und Er sieht mich,
und Er nennt mich mit Namen:

"Naëma."

Sie können mir

meine Geschichte rauben –

aber Er bewahrt mir

meinen Namen.

 

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[Original: August 2014 / Übersetzt 2022]

Es gibt viele "Namen ohne Geschichte" in den Stammbäumen in der Bibel. Eine davon ist Naëma. Ursprünglich wollte ich nicht über die "geschichtenlosen Frauen" der Stammbäume schreiben, aber meine Mutter hat ein Gedicht für Naëma gewünscht, also habe ich dieses Geschrieben. :-)

Hier wollte ich mir Gedanken machen über die Ungleichbehandlung im Erzählen von Geschichten: oft werden eher Geschichten von Männern tradiert. Als ich das Projekt mit den Gedichten angefangen habe, habe ich aus dem Kopf nur 45 Frauen zusammenbringen können - denn in der Sonntagsschule haben wir über David und Simson gelernt, die Frauen sind nur am Rande vorgekommen. Gerade in patriarchalen Gesellschaften werden Frauen vor allem in Verbindung zu "ihren Männern" erwähnt (Vater, Bruder, Ehemann, Sohn).

Die "Frau mit einer Geschichte" im Gedicht ist Eva. Am Anfang waren Freiheit und Gleichberechtigung, aber ihre Entscheidungen führten ins Verderben. Noch heute wird vor allem Eva für "den Sündenfall" verantwortlich gemacht. Wie viel Schaden hat diese Tendenz in der Interpretation der "Sündenfallsgeschichte" schon angerichtet! Dabei sind wir alle verantwortlich für unsere eigenen Fehler. Der Mann und die Frau haben gemeinsam die Frucht gegessen. Die "Schuld" auf andere zu schieben, so wie sie lange auf Frauen geschoben wurde, hilft niemandem.

Bei Naëma ist interessant, dass sie wirklich nur mit dem Namen erscheint und mit einer Verbindung zum Bruder - sonst ist da kein Hinweis, warum sie "interessant" sein sollte. Jeder der die Bibel liest (und die Stammbäume dabei nicht überspringt... haha) wird also ihren Namen lesen. Ihre Geschichte ist zwar vergessen - aber ihr Name ist im meistgelesenen Bestseller der Welt. Für mich ist die Geschichte von Naëmas Namen darum: Gott sieht uns. Gott kennt uns mit Namen. Er kümmert sich um jeden von uns, egal was die Gesellschaft denkt, auch wenn man uns kleinmachen will. Vor Gott sind wir alle gleich. Für mich ist diese kleine Notiz eine kleine Wertschätzung an eine Frau, deren Geschichte vielleicht "nicht wichtig genug" gewesen ist, die aber doch von Gott gesehen wird. Und so können wir diese Frau (und andere "geschichtenlosen Frauen") nun wertschätzen, wenn wir ihren Namen in der Bibel lesen. Sie hat gelebt, sie ist Gott kostbar, sie ist wichtig und geliebt.

Original [hier]

Bild von Etienne Dinet 

Freitag, 16. September 2022

Witwe von Sarepta: Mein Becher fliesst über

1.Könige 17 | Psalm 23,5

Ich bin allein
doch mein Becher fliesst über.
Kein Mann zur Unterstützung
doch mein Becher fliesst über.
Allein verantwortlich für mein Kind
doch mein Becher fliesst über.
In schweren Zeiten leben wir
doch mein Becher fliesst über.

Dein Überfluss
fliesst über mich
und deckt alle Not.
Mein Becher fliesst über.
All die Kraft die ich brauche
diese Zeit durchzustehen,
Ausdauer und Freude –
Mein Becher fliesst über.

Uns droht der Hunger
doch mein Becher fliesst über.
Uns droht Krankheit
doch mein Becher fliesst über.
Uns droht Verlust
doch mein Becher fliesst über.
In aller Not
mein Becher fliesst über.

All dein Reichtum,
deine üppige Liebe,
giesst du aus in unser Leben,
mehr als genug.
Mein Becher fliesst über.
genug um zu teilen
mit hungrigen Propheten
und müden Gästen.
Mein Becher fliesst über. 

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[Januar 2022]

Letzthin habe ich mich gefragt, ob es in der Bibel auch alleinerziehende Mütter gibt. Natürlich sind da einige! Diese ist mir als erse in den Sinn gekommen.

Die Geschichte dieser Witwe hat mich sehr angesprochen. Sie ist eine alleinerziehende Mutter, wie ich. Sie lebt in schwierigen Zeiten, so wie wir (für sie waren es Dürre und Hungersnot, für uns, als ich das Gedicht geschrieben habe, die Pandemie). Sie erlebt wunderbare Versorgung - und dasselbe habe auch ich seit der Trennung erlebt.

In der Bibel ist Öl ein Symbol von Freude und Fülle. Die Witwe erlebt das Wunder, dass ihr winziger Überrest von Öl nie zu Ende geht. Was wenn wir das nicht nur wortwörtlich als wunderbare Vermehrung einer Küchenzutat lesen, sondern auch symbolisch als Gottes Versorgung in allen Aspekten ihres Lebens? Persönlich habe ich in den letzten Monaten erlebt, dass ich immer genug Kraft und Ausdauer hatte für die Herausforderungen meiner neuen Situation als alleinerziehende Mutter. Wenn ich die Geschichte der Witwe von Sarepta lese, sind diese Dinge mein "nie zu Ende gehendes Öl".

Damit ist dieses Gedicht eines der Fälle, wo ich meine eigene Erfahrung mit der Geschichte einer Frau aus der Bibel verbinde. Diese Geschichte ist eine Ermutigung für mich ganz persönlich.

Ich finde auch spannend wie die ganze Sache mit Gastfreundschaft zusammenhängt. Die Witwe hat zu wenig für sich selbst und ihren Sohn, dann plötzlich muss sie einen ungeladenen Gast (Elia) versorgen. In dieser Situation gehen Öl und Mehl nie aus. Die Witwe hat gewagt, gastfreundlich zu sein trotz des Mangels - und es hat sich gelohnt. Ich habe dieselbe Erfahrung gemacht: manchmal, wenn ich selber eine schwere Zeit durchmache, hilft es mir, wenn ich anderen helfe. Vielleicht eigenartig, aber es geschieht - Versorgungswunder kommen in dem Sinn häufiger vor als wir meinen.

"Mein Bescher fliesst über" kommt von Psalm 23,5 - das kam mir hier einfach in den Kopf und ich entschied mich, in Anlehnung auf den "seine Güte währet ewiglich" Refrain in Psalm 136, ein wiederholendes Muster daraus zu machen.

Bild von Mary Cassatt

Montag, 12. September 2022

Maria: Selig

 

Matthäus 5,1-12

In Kälte und Nacht,
Schimpferei und Gedränge -
alle Habe auf einem Esel
und das Kind kommt.
Wohin soll ich es legen?
Was soll ich ihm geben?
Ich habe nichts.
Selig ihr Armen.

Vor geschlossenen Türen,
unter starrenden Augen;
ich weiss, weshalb sie flüstern
und die Tür zufällt.
Wird auch mein Kind so verstossen,
behandelt wie ein Sünder,
der Welt nichts?
Selig seid ihr,
so euch die Menschen hassen
und ausstossen
um des Menschensohnes willen.


Unter dem Kreuz
in tiefster Finsternis -
dich in meinen Armen,
mein Kind, mein Gott!
Ein Schwert durchdringt
auch meine Seele.
Bleibt denn nichts?
Selig ihr Weinenden.

O selig bist du,
die du geglaubt hast!
Denn es wird vollendet werden,
was dir gesagt ist vom Herrn.


Meine Seele erhebt den Herrn
und mein Geist freut sich Gottes,
meines Heilandes.

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[November 2010]

Eines meiner extrem wenigen Gedichte auf Deutsch. ;-) Ihr müsst euch bei meiner Mamma bedanken, die mein Maria-Gedicht im Rundbrief mitschicken wollte, das ich zur Zeit nur auf Englisch hatte. Statt Übersetzung ist was anderes (m.E. Besseres) daraus geworden! :-)

Hier funktionierte nämlich die Idee, die ich schon für das Englische hatte aber mir dort nicht gelang: die Verbindung zwischen Marias Geschichte und den Seligpreisungen.

Anfänglich sollte es ein Weihnachtsgedicht sein, aber irgendwie habe ich eine Tendenz, schon an Weihnachten das Kreuz zu sehen (und warum nicht; mit der Menschwerdung fängt Jesu Opfer ja eigentlich an, könnte man sagen - Phil 2,6-11). Mich hat das Wort des Simeon an Maria beeindruckt: dass ein Schwert auch ihr Herz durchdringen wird (Lukas 2,35). Irgendwie denken wir nicht genug an das, was Maria am Kreuz durchgemacht hat. Kann uns das vielleicht nicht auch helfen, uns vorzustellen, wie es für sie war? Ich sehe Maria als ein starkes Vorbild für die Gläubigen. An ihr können wir den Preis der Nachfolge sehen - aber eben auch die Seligpreisungen, die an ihr wahr wurden. Sie tat frei und freudig, wozu Gott sie bat, stellte sich ihm zur Verfügung.

Für mich wäre eine "protestantische Mariologie" so etwas dieser Art: Maria als Vorbild sehen, als eine Art exemplarische Gläubige, der wir nachahmen können. Wie sie dürfen wir dann auch hoffen, dass, auch wenn der Weg mit Gott und im Gehorsam zu ihm nicht immer leicht ist, er seine Verheissungen erfüllt, und uns die Freude gibt, gerne zu tun, was er uns aufträgt. Mit ihr das Magnificat singen. :-)



Bild: Simon de Vos

Rizpa: Ich bin Mutter

   1. Samuel 21,1-17   Ich bin Trauer – zerrissen von Verlust, ein Loch in meinem Herzen wo du einmal warst. Ich bin Verlust – allein nun, ...